Interview Suzanne Vega


Songs wie »Tom’s Diner«, »Marlene on the Wall« oder »Luka« gehören zum popkulturellen Welterbe. Bereits ihr zweites Album von 1987 brachte der New Yorkerin Suzanne Vega den ganz großen Durchbruch. Von 1985 bis 1990 verkaufte sie ungefähr 5 Millionen Alben, was ihr die Freiheiten verschaffte, künstlerisch zu machen, was sie wollte.

Wackelige Wlan-Verbindung

Bereits Ende März hatte ich die Gelegenheit, mit mit der zweifachen Grammy-Gewinnerin ein langes Zoom-Gespräch zu führen, das trotz einer wackeligen Wlan-Verbindung (die Sängerin war in einem Hotelzimmer in Frankreich) sehr ergiebig war. Unter dem Titel »Es fällt mir schwer, etwas zu produzieren« erschien es in sehr gekürzter Form in den Dresdner Neuesten Nachrichten. Hier nun das komplette Gespräch mit der berühmten New Yorker Sängerin.

B. Baum: Sie werden dieses Jahr zweimal in Dresden sein, bei zwei ganz unterschiedlichen Anlässen. Zunächst mit der (mittlerweile aufgeführten) Philip-Glass-Oper »Einstein on the Beach« und dann für das Konzert auf dem Konzertplatz Weißer Hirsch mit Ihrem neuen Album »Flying with Angels«. Ich würde gerne über beide Anlässe sprechen.

Suzanne Vega: Ja, natürlich.

B. Baum: Ich weiß, dass Sie bereits 1986 mit Philip Glass zusammengearbeitet haben und gemeinsam mit ihm und Janis Pendarvis den Song »Lightning« geschrieben haben. Wie sind Sie auf seine Musik gekommen?

Philip-Glass-Oper

S. Vega: In den 1970er Jahren habe ich eine Ausbildung zur Tänzerin gemacht. Ich war also in der Abteilung für modernen Tanz, wo die Choreografen mit vielen modernen Komponisten wie Steve Reich und auch Philip Glass zusammenarbeiteten. Ich wusste also schon seit meiner Jugend, wer er war. Aber ich lernte ihn kennen, weil Nancy Jeffries, die Frau, die mich bei der Plattenfirma unter Vertrag nahm, die mich gefördert hat, mit dem Toningenieur des Philip Glass-Ensembles verheiratet war. Sie sah sofort eine Art Verbindung und weckte sein Interesse an meiner Arbeit, sodass er mich in der Gruppe aufnahm, die bereits für das Album »Songs from Liquid Days« ausgewählt worden war.

B. Baum: Dann sind Sie 2019 dem Ensemble Ictus und dem Collegium Vocale Gent für die moderne Oper »Einstein on the Beach« beigetreten.

S. Vega: Ja.

B. Baum: Können Sie ein wenig über dieses Projekt erzählen?

S. Vega: Nun, es ist hilfreich, ein wenig über Philip Glass zu wissen, wie er arbeitet und was man erwarten kann. Wissen Sie, die Oper erzählt nicht wirklich eine Geschichte. Sie ist auch sehr lang. Sie wurde von fünf Stunden auf dreieinhalb Stunden gekürzt, wobei es viele Wiederholungen gibt. Man kann fast in einen meditativen Zustand eintauchen. Und es gibt Humor. Was das Publikum außerdem wissen sollte, ist, dass Philip immer gesagt hat, es sei in Ordnung, den Saal zu verlassen und wiederzukommen.

B. Baum: Und Sie übernehmen die erzählerischen Anteile.

S. Vega: Richtig. Ich singe nicht. Ich spiele gewissermaßen die Rolle von fünf verschiedenen Erzählern. Jede und jeder hat einen eigenen Charakter. In der Originalproduktion war der Text von fünf verschiedenen Personen geschrieben, und sie waren alle sehr, sehr unterschiedlich. Also spiele ich alle fünf Stimmen. Und wenn es eine Erzählung gibt, übernehme ich sie. Aber noch einmal: Es wird nicht wirklich eine Geschichte erzählt. Es ist eher Poesie und Wiederholung. Ich mache das nun schon seit Jahren, und ich mag die Leute bei Ictus und auch im Chor. Es macht wirklich Spaß, und da ich Philip schon lange kenne, mit ihm zusammengearbeitet habe und seine Musik liebe, empfinde ich es fast als eine Art spirituelle Praxis, mit Ictus und den anderen Musikern, dem Orchester, auf Tour zu gehen. Es gibt mir jedes Mal wieder ein Gefühl der Erdung.

Erstes Original-Album nach langer Pause

B. Baum: Nur etwa sechs Wochen später folgt Ihr zweiter Besuch in Dresden. Sie werden »Flying with Angels« präsentieren, Ihr erstes Album mit komplett neuem Material seit »Tales from the Realm of the Queen of Pentacles«. Warum haben Sie uns so lange auf dieses neue Album warten lassen?

S. Vega: Weil ich die letzten 10 Jahre an einer Ein-Frau-Show über die Schriftstellerin Carson McCullers gearbeitet habe. Ich habe zwei verschiedene Inszenierungen eines Theaterstücks gemacht. Und dann war ich immer noch nicht zufrieden. Also habe ich 2019 einen Film nach dem Stück gedreht. Und ich dachte: Oh, na gut, jetzt bin ich damit fertig. Also habe ich damit begonnen, ein neues Album zu machen. (Sie seufzt) Und dann sind wir direkt in COVID hineingelaufen. Und das war wie eine riesige Mauer, die ich überwinden musste. Aber während der COVID-Jahre habe ich mir Notizen gemacht, ich hatte einige Ideen. Vieles behandelt also wirklich die letzten fünf Jahre. Es ist sehr modernes Zeug, die Dinge, über die ich nachdenke: Liebe versus Hass, die politische Landschaft in Amerika, andere Probleme, andere Themen.

Songinhalt aus der New York Times

B. Baum: Das Album gefällt mir sehr gut. Besonders »Last Train from Mariupol«. Es ist so bewegend, mit Zeilen wie »Who’s on the platform?« und »I heard God himself was on the last train from Mariupol«.

S. Vega: Als es anfing, im Frühjahr 2022, waren wir alle zu Hause, saßen zu Hause fest. Wir konnten nicht rausgehen oder irgendetwas tun. Und wir sahen alle die Nachrichten, waren geradezu besessen von den Nachrichten. Und dann fing das an. Jeden Abend um sechs Uhr war es die Top-Meldung in den amerikanischen Nachrichten. Diese Invasion schien in Echtzeit zu geschehen. Zuerst gab es nur den Gedanken an die Invasion, und vielleicht würde sie stattfinden, vielleicht auch nicht. Dann konnten wir sehen, wie es geschah. Das war also ein Schock. Ich glaube, es war das erste Mal, dass wir eine Invasion durch die Medien direkt vor unseren Augen mitverfolgen konnten. Ich fand das sehr bewegend und sehr erschütternd. Ein Großteil des Songs besteht also aus den Bildern aus den Nachrichten, die ich im Fernsehen gesehen habe. Und die Zeile, dass sogar Gott selbst aus Mariupol geflohen sei, stammt aus der New York Times. Denn dort hieß es, dass die Leute das über Mariupol sagten. Dass alle geflohen seien, dass sogar Gott selbst nicht glauben konnte, was er sah. Und so ging er fort. Und ich dachte mir, er sei mit diesem fiktiven Zug abgereist.

B. Baum: Dann gibt es »Lucinda«. Ich glaube, das ist eine Verbeugung vor der großartigen Lucinda Williams?

S. Vega: Ja, so ist es. Diesen Song fertigzustellen hat am längsten gedauert. Anfang der 2000er Jahre habe ich sie live gesehen habe. Ich machte mir ein paar Notizen, schrieb ein paar Strophen, ich dachte: Wow, sie ist so cool, sie ist so interessant! Damit hatte ich diese Zeilen in meinen Notizbüchern. Dann habe ich kürzlich ihre Autobiografie gelesen, und wieder hatte ich dieses Gefühl: Wow, sie ist so interessant! Und ich habe mir meine Notizen noch einmal angesehen und festgestellt, dass es darin nur um ihr Make-up und ihre Haare und ihre Kleidung ging. Und ich dachte: Jetzt wollen wir wissen, wie sie innerlich ist. Also habe ich ein paar Sätze aus dem Buch genommen, in denen sie sich selbst beschreibt. Ich habe das alles zusammengefügt und Jerry gezeigt. Jerry hat die Gitarrenparts geschrieben, und wir haben es sehr genossen, ihn einzuspielen.

B. Baum: Der letzte Song, über den ich sprechen möchte, ist »Chambermaid« mit dem Verweis auf Bob Dylan. Für mich klingt er ein bisschen wie ein Rückblick nicht nur auf Dylans Werk, sondern auch auf Ihre eigenen großen Hits wie »Marlene on the Wall«.

S. Vega: Nun, ich bin in der Folk-Tradition aufgewachsen. Und der Großteil von Bob Dylans Werk basiert auf Folk oder Blues. Er ist ein Meister darin, weil er so viel von all den verschiedenen Arten des Geschichtenerzählens und des Gitarrenspiels aufgesogen hat. Wir haben tatsächlich ein bisschen von dem Bob-Dylan-Song »I Want You« übernommen und in unseren Song eingebaut. Dafür müssen wir ihn bezahlen (Sie lacht). Ich habe nicht versucht, mich selbst nachzuahmen. Ich habe versucht, den alten Bob Dylan nachzuahmen. Es ist ein Rückblick, auch wenn er sagt: »Don’t Look Back«. Aber natürlich schauen wir immer zurück.

B. Baum: Ich gehöre nicht zu denjenigen, die glauben, dass es auf die Länge ankommt. Aber alle Ihre letzten Alben waren ziemlich kurz. Warum ist das so?

»Es fällt mir schwer, etwas zu produzieren«

S. Vega: Weil ich das Schreiben schwierig finde. Um ehrlich zu sein, war ich vor langer Zeit in Therapie, und meine Therapeutin sagte: Sie scheinen ein Problem mit der Produktion zu haben. Ich glaube, ich habe versucht, meine Tochter zu stillen. Und meine Tochter hat mich immer geschlagen, weil es nicht genug Milch gab. Also, es fällt mir schwer, überhaupt etwas zu produzieren. Ich drücke es heraus wie Zahnpasta. Ich mache nicht gern Fehler. Ich spüre weder einen Überfluss an Energie noch einen Überfluss an Visionen. Ich weiß nicht, warum das so ist. Das liegt einfach in meiner Natur.

B. Baum: Sie wollen auch einfach nichts Mittelmäßiges abliefern, denke ich.

S. Vega: Ja, wir hatten eine Liste mit vielleicht 20 oder 15 Titeln. Aber nur sehr wenige davon werden fertiggestellt. Und nur sehr wenige werden zu meiner Zufriedenheit fertiggestellt. Und selbst bei denen, die fertig werden, dauert es eine Weile, bis ich mich damit anfreunden kann und wirklich darauf vertraue, dass sie gut sind. Jetzt bin ich mit dem Album zufrieden. Ich bin glücklich und zufrieden. Aber vor einem Jahr habe ich mir bei einigen Songs die Nägel abgekaut. Ich musste mich erst noch an sie gewöhnen. Also, für mich ist das alles ein langsamer Prozess.

Begeisterung für Laura Nyro

B. Baum: In einem Interview aus dem Jahr 2012 haben Sie die Frage nach Ihren Vorbildern beim Songwriting beantwortet: »Die drei Großen für mich sind Lou Reed, Bob Dylan und Leonard Cohen. Dazu kommen noch eine ordentliche Portion Paul Simon und Laura Nyro.« Das habe ich mit großer Freude gelesen, denn ich höre Nyros Musik schon seit Jahrzehnten. Und ich finde, sie wurde immer stark unterschätzt. Vielleicht könnten Sie uns ein wenig erzählen, was sie für Sie bedeutet hat oder bedeutet?

S. Vega: Ich habe sie entdeckt, als ich etwa 12 war. Meine Eltern müssen wohl eine Party gefeiert haben. Und jemand hat das Album liegen lassen. Es war entweder »The First Album« oder »Eli and the 13th Confession«. Ich habe es gefunden und mir angehört. Und ich fand es fantastisch. Ich fand es toll, wie sie über New York schrieb. Ich fand es toll, wie sie über Jungs schrieb und wie sie über ihre eigenen inneren Gefühle, ihre Empfindungen schrieb. Mit diesen Figuren, die auftauchten, und den Beschreibungen von Gefühlszuständen, die man als junge Frau, die in New York aufwächst, empfindet, konnte ich mich wirklich identifizieren – nicht in dem Sinne, dass ich so sein wollte wie sie, denn ich war eher ein burschikoses Mädchen. Außerdem spielte ich Gitarre, kein Klavier. Und ich hatte eine andere Art von Stimme. Aber ich sah sie fast wie eine Schwesterfigur. Eine ältere Schwester, die das alles schon durchgemacht hatte und mir erzählte, wie sich diese Dinge anfühlten. Und wie man über Sexualität schreibt. Wie man über diese verlorengegangenen Zeitabschnitte schreibt, in denen man wütend oder hoffnungslos war. Wenn sie zum Beispiel sagte: »Der Teufel hat mit meinem Bruder gespielt«, dachte ich: »Er spielt auch mit meinem Bruder.«

Was für eine großartige Art, das auszudrücken! Als Teenager in einer Stadt hat man manchmal diese Phasen, in denen man schlechte Dinge tut. Oder man ist verloren oder verwirrt. Und sie hat das alles wirklich verstanden. Sie schrieb sehr leidenschaftlich. Und so war sie mir damals in meinem Leben ein Trost. Und eigentlich auch seitdem so ziemlich immer. Und ich fand es toll, dass sie sich manchmal nicht an den Rhythmus hielt. Manchmal flüsterte sie oder weinte oder schrie. Meine Mutter hasste das. Meine Mutter sagte immer: »Sie schreit. Sie macht zu viel Lärm. Mach das aus.« Aber ich fand es wunderbar ungehemmt. Und ich liebte ihre poetische Art, ihre langen Kleider, ihre Haare und ihre Haltung. Ich fühlte mich von ihr, von ihrer Weltanschauung, genährt.

Am 9. Juli, 20 Uhr, ist S. Vega auf dem Konzertplatz Weißer Hirsch zu erleben.


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