Zwischen den Jahren


Ein weihnachtlicher New-York-Krimi

Ganz frisch in der Welt ist mein neuer Krimi mit Sängerin Ines Behrendt und Gitarrist John Raymond, die einige von euch bereits aus den drei vorangegangenen Büchern kennen. Da die beiden in Liverpool leben, gehört diese Ankündigung natürlich unbedingt auf den Blog! Wenngleich sie sich ja häufig in der Weltgeschichte herumtreiben, so in Zwischen den Jahren in New York. Aber die erste Szene spielt in dem wunderbaren Irish Pub Flanaghan’s in Liverpool – deshalb kopiere ich sie euch hier hinein. Übrigens ist dies das erste meiner Bücher, das zeitgleich auf Englisch (unter dem Titel New York Fairytale) erscheint.

Wunderbare Weihnachtszeit

»Wow! Danke euch, das war großartig!« John strahlte die noch immer klatschende Menge vor der Bühne des Flanaghan’s Apple an, legte den Arm um Ines, und sie verbeugten sich gemeinsam.

Gerade hatten sie ihre Version des Pogues’-Song Fairytale of New York das erste Mal vor Publikum gesungen. In den Refrain über den New Yorker Polizeichor, der »Galway Bay« singt, waren alle in dem Irish Pub eingefallen. Johns Band Taylormade musste die marschartige Passage zum Schluss dreimal wiederholen. Niemand wollte, dass das Stück zuendeging.

Es war der Samstag vor dem ersten Advent, einem Tag, der in England kaum eine Rolle spielte. Die ganze Weihnachtszeit war im Land, und erst recht in Liverpool, eher eine einzige Party. Die Straßen, die Geschäfte und die Pubs waren bunt geschmückt, man ging noch mehr aus als sonst; auch der Alkoholkonsum stieg nochmals ordentlich an. Für Ines als Deutsche war das gewöhnungsbedürftig. In ihrer Geburtsstadt Dresden wurden die Wochen schließlich ganz anders begangen. An einem Abend wie diesem war sie jedoch ganz und gar glücklich mit ihrem Leben in der englischen Hafenstadt, gemeinsam mit ihrem irischen Freund John.

Wie auch nicht, wenn sie von der Menge gefeiert wurden, als wären sie Pogues-Chef Shane MacGowan und seine Duett-Partnerin Kirsty MacColl persönlich. Volle Biergläser wurden von der Theke aus zu ihnen durchgereicht, in die begeisterten Kommentare von Bekannten mischte sich immer wieder aufflammender Applaus; der von der Menge wieder und wieder neu aufgenommene Refrain fand Resonanz in einem Lauf des Bassisten hinter ihnen.

Als der Geräuschpegel ein wenig leiser wurde, griff John zum Mikro. Die ersten jubelten in der Erwartung, den Song ein weiteres Mal zu hören, aber John begann schnell zu sprechen:

»Nochmals danke. Dass ihr unsere«, er zog Ines an sich, »Version des Songs so mögt, ist großartig. Bis Weihnachten werden wir jeden Samstag hier spielen, und weil es ja diese ganz besondere Jahreszeit ist, wird es dann auch noch das eine oder andere New Yorker Märchen für euch geben.«

Hinter der langgezogenen Pub-Theke wurde der Hinweis verstanden und kurz darauf erklang wieder die Playlist. Mit Rudolph, the Red Nosed Reindeer blieb es weihnachtlich, das Irische musste in dieser Zeit ein wenig zurücktreten.

»Du willst mich also gleich die kommenden drei Samstage buchen?«, zog Ines ihren Freund auf, als sie sich durch die Menge hindurch zu einem Tisch am Fenster geschoben hatten. »Das wird teuer.«

»Ich geb’s an Mick weiter«, reagierte er ungerührt.

Er hatte Recht, dachte sie. Mick Hansen, der Wirt des Flanaghan’s, musste auf jeden Fall ordentlich etwas auf die Gage für Taylormade drauflegen, wenn ihr Duett die Menschen so begeisterte. Noch immer fiel es Ines schwer, so ökonomisch zu denken, auch wenn das – neben all den fachlichen Unterweisungen – ein wichtiger Teil ihrer Ausbildung an Paul McCartneys Pop-Uni LIPA war.

Vor ziemlich genau zwei Jahren, am Nikolaustag, hatte sie John im Flur des LIPA-Gebäudes kennengelernt, im Frühjahr danach waren sie ein Paar geworden, kurz darauf hatte John auch schon sein Abschlusszeugnis von McCartney überreicht bekommen. Seitdem schlug er sich als Profimusiker durch; eine schwierige Angelegenheit, auch für einen hervorragenden Gitarristen wie ihn.

»Schließlich ist es dein Gesang, der die Leute fasziniert«, sagte John. »Ich hab nun wirklich keine Stimme.«

»Hatte Shane MacGowan auch nicht.«

»Es ist schon seltsam, für einen Song in der Rolle eines Drogen- und Alkoholsüchtigen gefeiert zu werden«, sinnierte er. »So nah an der Wirklichkeit …«

»Nein, dran vorbei!«, widersprach Ines energisch.

John war ein ehemaliger Junkie. Sie hatten sich kaum kennengelernt, da war er rückfällig geworden, und Ines wusste nur zu gut, dass das Thema Sucht ihn noch viele Jahre lang begleiten würde. Aber er war stärker als jeder andere Mensch, den sie kannte. Er würde damit klarkommen.

»Was machen wir denn jetzt Weihnachten?«, wechselte sie das Thema. Im Vorjahr war John mit nach Dresden zu ihrer Familie gekommen; ob sie es wieder so halten wollten, war noch nicht entschieden.

»Tja«, John zog sein Handy aus der Tasche und wischte darauf herum, während er weitersprach. »Wir könnten unser eigenes New-York-Märchen erleben.« Er schob ihr das Telefon hin. Aufgerufen war eine WhatsApp-Nachricht. »Ich hatte meinem Bruder den Mitschnitt unserer Probe am Mittwoch geschickt.«

Super, eure Version von Fairytale …, las Ines. Wollt ihr die nicht hier zum Besten geben? In Manhattan gibt es an Weihnachten immer jede Menge Konzerte, und der Irish Pub bei mir im Viertel wäre begeistert. Dass ich Ines und dich verdammt gern wiedersehen würde, muss ich wohl nicht extra betonen. Platz genug zum Übernachten ist hier. Eine fette Umarmung, Jeff

Entgeistert starrte Ines ihren Freund an. Im Sommer hatte sie Johns älteren Bruder Jeffrey kennengelernt und mochte ihn sehr gern. Oft hatten John und sie darüber gesprochen, ihn einmal in New York zu besuchen. Für die Weihnachtsfeiertage dorthin fliegen? »Sind die Flüge so kurzfristig nicht unheimlich teuer?«

»Ich hab heute Nachmittag schon mal geguckt«, gestand John; ihm war ins Gesicht geschrieben, wie gern er die Einladung annehmen würde. »Wenn wir erst Heiligabend fliegen, geht es. Und ich hab doch die Tantiemen für den letzten Studiojob bekommen.«

Einen Tag, bevor hier in England, aber auch in den USA das Fest begangen wurde, ins Flugzeug steigen, und dann während der Feiertage unter Jetlag leiden? Aber sie könnten über Silvester bleiben, zwischen den Jahren gab es in Liverpool kaum Auftritte zu bestreiten, und am LIPA waren Ferien. Einmal miterleben, wie am Times Square die glitzernde Kugel herabsank …

Ines realisierte, dass John auf ihre Antwort wartete, und gab sich einen Ruck: »Ja. Lass es uns tun!«


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